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Der kleine Batavier – Der Mythos eines fast verschwundenen Volkes

Der kleine Batavier. In einer längst vergessenen Zeit, wo heute in den Niederlanden die Provinz Gelderland ist, war einst ein sehr mutiger und tapferer Volksstamm ansässig. Sie beteten zu Walhalla, erzählten von großen Schlachten und man sagte ihnen nach, dass Wölfe und Bären sich vor Angst verkrochen, sobald schon die Kinder das Jagdgebiet in den umliegenden Feldern und Wäldern betraten. Bescheidene Hütten aus Holz und Lehm waren ihr zu Hause und das besondere fruchtbare Land im Rheindelta beschenkte den angesiedelten Bauern reichlich üppige Ernten. Um sich in dieser noch amphibischen Landschaft gegen Konkurrenten durchzusetzen, hatten sie ein sehr ausgeprägtes Einfallstum. Auch entwickelten sie militärische Fähigkeiten, die später noch für das römische Reich interessant werden sollte…

 

Die Rede ist von den Bataven, (Niederländisch ausgesprochen „Bata4re“) ein machtvoller germanischer Stamm, der ursprünglich im Nord –Westen von Europa zwischen den nordgermanischen Frisier und den westgermanischen Cananefaten beheimatet war. Dort kannte man sie unter den Namen BATAVI. Durch eine interne Fede spaltete sich jedoch ein Teil der Bataver von den germanischen Stämmen ab und siedelte sich um etwa 50 v. Chr. an der Rheinmündung in der unbewohnten römischen Provinz Gallia -Belgicia (das heutige Gelderland – in der Betuwe) an, das schon nach kurzer Zeit Batavorum Insulana hieß.

 

 

 

 

Genau hier beginnt heute meine Tour. Mitten in Herzen der heutigen Betuwe. Die Betuwe ist aufgrund Ihrer Kleiböden, einer der fruchtbarsten Regionen von Europa. Saftige Wiesen, bunte Feldblumen und der extreme Obstanbau prägen diese Region wie keine zweite in den Niederlanden. Der klebrige und entwässerte Schlick bietet den Pflanzen ein sehr feines Sediment und die leichte Tonhaltige Erde speichert das Regenwasser auch bei langen Dürreperioden. Meine Tour beginnt in der Oberbetuve bei Zetten und mit meinem Radel fahre ich vorab südwärts in Richtung dem Fluss Waal, in die Gemeinde Nieder- Betuwe. Herrliche Felder und sanfte Dünenwege wollen mich fortan begleiten. Überall duftet es nach Heu oder blumiger Wiese. Besonders der Obstanbau steht in seiner vollendeten Reife. Dicke Äpfel warten nur darauf gepflückt zu werden und die alten Höfe die wie kleine Inseln zwischen den Obstwiesen liegen, geben eine besonders friedliche Stimmung ab.

 

 

 

 

 

Wo der Imperator des Römischen Reiches, Julius Cäser bereits im Westen ganz Gallien besiegen konnte, scheiterte er vergeblich, den sumpfigen Norden zu kontrollieren, sodass der Rhein (NL: Waal) in Germania Magna die nördlichste Befestigungrenze (der Limes) des römischen Reichs bildete. In seinen Berichten über den gallischen Krieg, dem Commentarii oder auch das Bello Gallico genannt, erwähne er die Bataven wie folgt: Sie würden auf einer äusßerst Fruchtbare „Insel“ (Batavorum insula) leben, auf der die Maas und die Waal zusammenkommen, 80 römische Meilen von der Flussmündung entfernt. Ihre römische Legionsstadt: Batavodurum (Das heutige Nimwegen – Nijmegen ist die ältete Stadt der Niederlande, denn mit den Bataven und Römern entwickelte sich dort die erste zivile Ansiedlung in den Niederlanden)

 

Unter dem römischen Heeresführer Drusus, dem Stiefsohn vom Kaiser Augustus schlossen sich um ca. 12 v.Chr die Bataven den Römern an. Sie wurden Steuerbefreite und genossen eine „Freie Hand“ als Verbündete des römischen Reichs. Ihr Hauptgott war von nun an Herkules Magusanus, der Kriegsgott, dessen zweites Mitglied eine niedergermanische Abstammung hatte. Mit dem Zusammenschluss lebten die Bataver aber auch nach und nach die neuen Bräuche der Römer. Man vermutet, dass die Bataver nach einigen Jahrzehnten bereits anfingen, römische Koch-Zustaten zu Nutzen. Zusätzlich hätten die Bauern „Gesichtscreme“ und Öl verwendet, wie es die Römer in ihren Badehäusern getan haben. Die Höfe der Bataver wurden nach römischem Vorbild errichtet, und die Anwesenheit römischer Heereslager hätte die Anpassung der Bataver weitgehend neu bestimmt. Die Heereslager der Römer wurden zu einer wichtigen Einnahmequelle für die Bataver. Bauern versorgten die Römer mit Lebensmitteln und erhielten dafür römische Utensilien, womit auch ein reger Handel in der damaligen Binnenschiffart betrieben werden konnte.

 

 

 

 

 

Ich fahre zur Linken der Waal in Richtung Westen, entlang den Ortschaften Ochten, IJzendoorn und Echteld. Wo die Waal auf der einen Seite ein tolles Panorama abgibt, sehe ich auf der rechten Seite eine wahre Vielfalt an Obst und Pflanzenanbau. Reihe um Reihe wächst dort auf wirtschaftlichster Fläche das Material für unsere Märkte und Gartenzentren. Ab und an steht auch ein Tisch an der Straße, drapiert mit den heimischen Früchten, die vor Ort mit einer kleinen Spende (meist in deiner Dose / oder Münzglas) erworben werden können.

 

 

 

 

 

Mit der Durchfahrt in Echtfeld, passiere ich auch einer der wirtschaftlich wichtigsten Eisenbahnstrecken der Niederlande. Die Betuweroute. Die Betuwerouteoder auch Betouwelinie ist eine jung ausgebaute Güterverkehr Strecke vom Hafen Rotterdam nach Zevenaar. Sie ist schallschutztechnisch so konstruiert, das die halb gebogenen Wände den Geräuschpegel bis auf ein Maximum für die Umgebung minimiert.  >> Gebaut wurde sie, damit die steigenden Mengen von im Hafen von Rotterdam umgeschlagenen Gütern so schnell wie möglich in das europäische Hinterland befördert werden können. Die Autobahnen sollen durch die Betuweroute deutlich vom enorm gestiegenen LKW-Verkehr entlastet werden. 2007 wurde die Strecke eröffnet. Die Betuweroute war in den Niederlanden politisch umstritten. Weil die Trasse einige Naturschutzgebiete und Wohngebiete durchquert, war der Bau von Tunneln erforderlich. Dadurch wurde der ursprünglich für den Bau geplante Etat um 40–50 % überschritten, sodass sich die Gesamtkosten inzwischen auf etwa 4,7 Milliarden Euro belaufen. >> Quelle: Wikipedia

 

 

 

 

Ziel war/ist es die rund 160km lange Strecke auch nach Deutschland, zum Duisburger Hafen auszuweiten. Wo heute die Strecke in den Niederlanden als enormer Erfolg gilt, hat man an der Grenze zu Deutschland bei Elten jedoch noch nicht einmal mit den eigendlichen Erweiterungsarbeiten begonnen. Da die Züge in Deutschland mit einer anderen Kilovolt Leistung fahren, muss bei Zevenaar nach wie vor ein Systemwechsel stattfinden. Naturschutz, Anwohner und die nicht einfache Deutsche Bürokratie, einigten sich jedoch gemeinsam mit den Niederländern, in dem man das Gleisbett in Richtung Oberhausen vergrößerte. Eine Trasse, so wie man sie in den Niederlanden sieht, sucht man jedoch vergeblich.

 

Von Eisenbahnen hatten die Bataver bekanntlich damals noch nicht einmal einen Schimmer, aber sie waren etwas Besonderes, welches sich die Römer schnell zu Nutzen machten. Unter den Kaisern Tiberius, Caligula, Claudius und Nero dienten ausgewählte junge Bataver als vorzüglich rekrutierte Soldaten für das römische Imperium. Ihre reiterlichen Qualitäten machten sie zu exzellenten Kriegern. Auch brachten sie durch Ihren „Erfindergeist“ spezielle Waffen und Fähigkeiten mit, wobei ihr Name besonders bei den Feinden zu einem prägenden und angsteinflößenden Markenzeichen wurde. „Die Batavische Spezialeinheit Roms“ hatte etwas, was zur damaligen Zeit dringend benötigt wurde: Ein sofortiges Reagieren auf schnell wechselnde Anforderungen! Sogar in voller Kriegsausrüstung konnten die Bataver schwimmen und gemeinsam mit ihren Pferden strömungsstarke Flüsse überqueren. Von den Römern aber hatten die Bataver die Disziplin übernommen, unbedingte Bereitschaft zu zeigen und taktische Befehle der Offiziere niemals nicht Folge zu leisten. Ferner lernten sie ihre Männlichkeit durch ungestümes Vorpreschen zu kontrollieren. Diese Win-Win Kombination aus germanischer Traditionen und römischer Kriegskunst machte die Bataver zum bevorzugten Reservoir für die römische Kriegsmacht.

 

An der Ortschaft Kesterne vorbei, radle ich in Richtung Norden, zum Nederrijn. Dort gibt es noch einen kleinen Hinweis auf die Römer. Auf dem Rijnbandijk erhebt sich seit einigen Jahren stolz die Spitze eines römischen Wachturms über dem Deich. Das Replika wurde auf dem Campingplatz De Linie gebaut und steht an der ehemaligen Nordgrenze des Römischen Reiches, dem Limes. Diese Grenze folgte dem Niederrhein, so wie es die Grenze zwischen Utrecht und Gelderland heute tut. In dieser Gegend gab es einst viele solcher Türme. Der Wachturm heißt De Spees und stammt von der gleichnamigen Farm, die früher dort stand.

 

 

 

 

 

Im Jahr 69 starb Kaiser Nero und es brach eine bürgerkriegsähnliche politische und militärische Anarchie im Römischen Reich aus. Das sogenannte Vierkaiserjahr.  (In nur kurzer Zeit wechselten vier Kaiser  den Thron. Ihre Namen waren Galba, Otho, Vitelliss und Vespasian. Nur Kaiser Vespasian gelang es, die politischen Unruhen in den Griff zu bekommen und an der Macht zu bleiben. Während des vierjährigen Kaiserjahres führte der adelige Bataver Julius Civilis 69 n. Chr. den Aufstand der Bataver gegen die Römer an.

 

 

 

 

Mit Hilfe der Frisier, Cananefaten und anderer germanischer Stämme errangen sie viele Siege. Eine ganze Reihe römischer Festungen am Rheinufer, darunter Castra Vetera (Xanten), wurde in kurzer Zeit zerstört. Zu dieser Zeit wurde Oppidum Batavorum, einer der Vorläufer des heutigen Nimwegen, von den Rebellen niedergebrannt. Im folgenden Jahr hatten sich die Chancen jedoch gewendet. Der Aufstand endete im Jahr 70 n. Chr. mit der Niederlage der Bataver. Wie genau der Aufstand endete, ist unbekannt. Die Geschichte aus den „Historiae of Tacitus“ bricht abrupt zusammen, als Civilis kapituliert.  Man nimmt an, das die Bataver aber auch später dem römischen reich weiter Treu blieben.

 

 

Der Rest meiner Tour geht nun wieder in Richtung Osten. Aus den ganzen Apfelplantagen sind mit mittlerweile Birnenplantagen geworden. Überall hängen sie saftig in den Feldern und ich muss gestehen, dass mir so langsam das Wasser im Mund zusammenläuft.  Mit dem Hunger auf frischen Obst, komme ich nach ein paar Kilometern wieder zurück zu meinem Startpunkt.

 

 

 

 

 

Fazit: 

Eine tolle Geschichts -Tour im Herzen der Betuwe.  Noch heute kann man an vielen Stellen in den Niederlanden sehen, wie auch die Tugenden der Bataver als Werbung genutzt wird. Sogar das ein oder andere Cooperate Identity Logo wird mit den Batavern gleichgestellt. Es gibt Dorfschenken, die das barbarische und ungetrübte trinken in ihrem Batava-Wikinger Logo enthalten haben, ganze Freizeitparks für Kinder, die mit dem Namen der Bataver Entdeckerlust und Spielspaß suggerieren, oder Speditionen, die ihre überlegende Zielstrebigkeit und Pünktlichkeit mit Hilfe des Namens demonstrieren wollen. Oftmals wird der Bataver aber auch verniedlicht. So kann man ab und an „De kleine Bataver“ (Ein muskulöses Bataverkind mit einer Keule in der Hand) in Form von Holzschnitzereien entdecken. Die für mich interessanteste Entdeckung war jedoch das alte Logo vom niederländischen Fahrradhersteller Batavus. Sogar in einem alten Comic beschreibt er, wie ein erfinderischer kleiner Bataver das BatavusFahrrad erfunden hat.

 

 

 

 

 

Gesamtstrecke: 52.28 km
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