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Im (Fahrrad)herzen der Maasduinen

Zwischen der Maas und der Grenze zu Deutschland befindet sich im Norden der Provinz Limburg eine traumhafte Kulisse die weit weit weg ist von Klischees wie Frau Anje, Grachten, Kibbeling und Sandburgen. Im Winter rau wie Schottland, und im Sommer so zart wie ein Sonnenuntergang in der Savanne. Eine Region die es erlaubt, sich mitten im Naturreservat frei zu bewegen, zu Wandern und zu Radeln. Und dazu: unendliche viele Sehenswürdigkeiten die diese Region einfach ausnahmslos macht.

 

 

Die Maasduinen, einst entstanden in der Eiszeit sind heute zu Recht zu einem besonders geschützten Nationalpark erklärt worden. Da der Mensch aber ein Teil der Natur ist, wurden im Laufe der Zeit viele Wander- und Radwege angelegt, die zur Erkundung einladen. Mit dem Fahrrad ist es ein ganz besonderes Erlebnis, und das niederländische Knotenpunkt-System (niederländisch: Knooppunt) hilft dabei eine Tour so angenehm wie möglich zu machen. Das Knotenpunkt-System ist ein Radwegenetz mit festen nummerierten Punkten und einer einheitlichen, gut sichtbaren Beschilderung zwischen den einzelnen Knotenpunkten. Die  Knotenpunkte befinden sich an Kreuzungen oder Abzweigen. Sie sind erkennbar an Schildern mit grünem Rand. Es ist somit mühelos möglich eine Tagestour zu machen, ohne sich mit einer Karte, oder den Gegebenheiten vor Ort auszukennen. Ein wahrlich tolles System, welches nicht nur in den Niederlanden hochgeschätzt wird.

 

 

Die Maasduine. Die wohl auffälligste Dünenart in den Maasduinen ist die Flussdüne. Alte oder naheliegende Flusstäler werden nicht selten von Dünen begleitet. Das fallende Regenwasser legt den vom Fluss „Maas“ abgelagerten und lockeren Sand schnell frei. Wie am Meeresstrand sind auch die Flusstäler die Hauptbedingung für die Dünenbildung in der freien Lage des Tals, welche dem Wind die Möglichkeit gibt, sehr stark auf die Bodenfläche zu wirken. Der Transport des Sandes wird somit vom Wind übernommen. Breite und offene Täler, in denen die Ströme langsam
fließen, bieten die günstigsten Bedingungen zur Dünenbildung. Die Düne als Einzelwerk ist die Paraboldüne.

 

 

Dreh und Angelpunkt ist das Besucherzentrum am Reindersmeer. Von dort aus startet auch ich meine Rundtour. Parkplätze gibt’s dort mehr als genug, und das erste, was seine Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die Tatsache wie sich das Besucherzentrum baulich darstellt. Wo bis im Jahr 2001 noch Schiffe geschleust wurden, ist am Ende der Schleusenkammer das Besucherzentrum quer in die alte Schleusanlage  verbaut worden. Das hängende Konstrukt ist nicht nur alleine was fürs Auge, denn rückseitig befindet sich ein Restaurant, wo die Terrassenanlage förmlich über dem Reindersmeer schwebt. Das Reindersmeer selbst wurde in den 60er Jahren erschaffen. Der feinde Sand wurde für die Betongewinnung genutzt, und über die Jahre entstand daraus ein 130 Hektar großes Loch, dessen Mittelpunkt eine Tiefe von über 20 Meter misst. Es ist ein Baggersee, aber was für einer!

 

Aus  Alt mach Neu. 22.500 beladene Schiffe haben von hier aus den Sand abtransportiert. Insgesamt 28,5 Millionen m³. Unter der Oberfläche befinden sich Erdschichten mit den Mineralen Pyrit und Jarosit. Bei Kontakt mit Sauerstoff bildet sich Schwefelsäure. Durch die 20 Meter tiefe Sandgewinnung ist saures Wasser aus den Erdschichten mit Jarosit in den See geflossen. Als Folge wachsen wenige Pflanzen und Algen im See. Überwältigend ist die blaue bis grüne Farbe des Sees, und auch die Klarheit des Wassers ist faszinierend. Die Ufer sind in einem sich ständig ändernden Muster von Wellen, Mooren und schönen Sanddünen bedeckt. Damit das Reindersmeer nicht leer läuft, hat das Besucherzentrum eine zweite Aufgabe. Unter dem hängenden Mittelteil der Anlage befindet sich das zubetonierte Schleusentor. Dieses Tor chließt den Übergang zwischen dem Reindersmeer und dem Wassersportgebiet „Het Leukermeer“. Das Leukermeer hat hingegen durch seinen Vorhafen einen Anschluss an die Maas. Die gesamte Region Bergerheide ist aufgrund der hier vorkommenden erschaffenen speziellen Landschaftsformen mit ihren entsprechenden Pflanzen- und Tierarten, ein besonderer Platz im Herzen der Maasduinen geworden. Ein Paradebeispiel wie nachhaltig und effektiv eine Renaturierung umgesetzt werden kann, ohne den Menschen dabei auszuschließen. Der Nationalpark De Maasduinen wird durch die Stichting het Limburgs Landschap, die Gemeinden Bergen und Gennep, Staatsbosbeheer sowie Privateigentümer verwaltet und betreut.

 

 

Knotenpunkte, die wohl einfachste Navigation. Hat man sich z. B. im Internet eine Route via Knotenpunkte zusammengestellt, so gibt es mehrere Darstellungsmöglichkeiten. Primär kann man sich seine gewählte Tour nach Knotenpunkten ausdrucken lassen. Auch ein Download im GPX Format ist selbstverständlich möglich. Wo auf der einen Seite die GPX Dateien in einem Ausgabegerät gespeichert werden, können z. B. die ausgedruckten Knotenpunkte an der Lenkradstange befestigt werden. Diese Vorgehensweise scheint nur auf den ersten Blick neu und unbequem. Auf den zweiten Blick sieht man sehr schnell, wie (unendlich) weit unser Land von einem fahrradfreundlichen Land wie den Niederlanden entfernt ist. Denn die ausgedruckten Knotenpunkte kommen in extra Knotenpunkthalter. Knotenpunkthalter gibt es in unendlichen Varianten. Praktisch: Der Startpunkt wird online immer mit Adresse angezeigt. So kann man per Navigation direkt mit dem Auto zum Zielplatz fahren.

 

 

Auf gehts!Meine Tour beginnt am festgelegten Knotenpunkt 30, und nach einer südwestlichen Schleife in Richtung Norden fährt man auf kleine, gut ausgebauten Radfahrwegen in Richtung Flughafen Niederrhein. Meist sind die Radfahrwege getrennt zur Straße, aber im Falle einer gemeinsamen Nutzung erfreut man sich über die Tatsache, das der Radfahrer per Gesetz einen hohen Stellenwert in den Niederlanden genießt. Somit nehmen die Autofahrer stets Rücksicht und die Tour ist ein vielfaches entspannter. Eichen- und Kieferbäume zieren links und rechts die Radwege, und schnell merkt man beim Radeln die Entspannung. Immer wieder laden kleine Trampelpfade zu den Dünen ein. Die Versuchung diese mit dem fahrrad zu befahren ist zugegebener Maßen sehr groß, dennoch wirkt mir die Oberfläche viel zu sandig.

 

 

Beim Knotenpunkt 82 konnte ich jedoch nicht mehr widerstehen, und bin anstelle links abzubiegen bis zu einem Waldspielplatz auf der Straße geblieben. Direkt am Waldspielplatz gibt es
Möglichkeit mit dem Fahrrad die Dünenlandschaft zu befahren. Auch ist der Weg barrierefrei, und ich war erstaunt wie unglaublich schön dieser Ausreißer war. Hier gibt es zwei kleine Seen, die von einer Möwenkolonie beheimatet werden. Entgegen den Möwen heißen die Seen aber Endenmeer (Entensee) und die angelegten Wege wirken wie aus einem Bilderbuch. Der Weg ist für Radfahrer, Wanderer oder auch Rollstuhlfahrer gemacht. Auch diejenigen, die in Begleitung eines Hundes sind, können den Weg so weit der Hund angeleint ist benutzen. Das wirklich interessante: Schilder weisen exakt auf die Gebiete hin, wo der Hund abgeleint werden darf. Auch ist die Stille trotz der ganzen Vögel beeindruckend, nur der Wind nimmt auf dieser freien Fläche spürbar zu.

 

 

Die 3km lange Ausreißer-fahrt endetet dann an einem Natursteg, welcher von einem Moorgebiet und Tümpel eingekesselt ist. Begibt man sich wieder zurück, auf die Knotenpunktroute, wird nach einiger Zeit eine Landstraße zum kleinen Dorf Siebengewald erreicht. Siebengewald liegt direkt an der deutschen Grenze. Bekannt ist das Dorf mehr aus den früheren Zeiten. Denn von dort kamen die berühmten „Besenbinder“. Heute besteht das Dorf aus einer tollen Sportanlage „De Klappros“ und einen bekannten Supermarkt sowie einem Fahrradgeschäft und einer Tankstelle. Kurz vor dem Sportcenter kann man noch ein Monument sehen, wo aus Bronze diverse Besen vergossen sind.

 

Die Besenbinder. Es war eine beschwerliche und ärmliche Arbeit, von der die Besenbinder ihre Familien fast nicht ernähren konnten und somit auch dem Schmuggel und Wildern in der
Heide nicht abgeneigt waren. Man lebte und wohnte in Hütten aus Heideplaggen und Sträuchern. Mancher Besenbinder zog mit dutzenden Heidebesen auf seinem Fahrrad bis ins Ruhrgebiet, um seine Ware an die großen Stahlfirmen zu verkaufen.

 

Die Teufelskuhle. Verlässt man das kleine Dorf auf Knotenpunkt 36 wieder, so fährt man über Feldstraßen in Richtung Norden der Maasduinen. Hier wird es stellenweise sehr Waldig entlang dem Broerdersbosch, und die Natur zeigt zwischen Knotenpunkt 43 und 86 eine wahre Perle in diesem Gebiet. Das Naturgebiet „Het Quin“. In der Heidelandschaft „Het Quin“ weiden Ziegen, die automatisch auch das Gras zwischen den Heidepflanzen beweiden. Die Ziegen ernähren sich neben dem Gras auch von junge Birken- und Brombeersträucher. Auf diese Weise bleibt die Heide erhalten und wird nicht mit Gräsern und Sträuchern überwachsen. Die besonderen Pflanzen wie Lavendel, Sonnentau, kleine Preiselbeeren und brauner und weißer Schnabel verlieren somit ihren Platz in der feuchten Heide nicht.

 

 

In den vergangenen Jahrhunderten hatten sich in der Region viele Moore gebildet. Auch Het Quin war einst ein Sumpfgebiet wo Torf angebaut wurde. Viele unachtsame Arbeiter verloren bei dieser gefährlichen Moorlandschaft ihr leben. >>Ein einziger Fehltritt könnte schon ein Ausflug zum Teufel und zur Hölle bedeuten<<  Daher hat dieser Ort den besonderen Namen „Teufelskuhle“ erhalten.

 

Die Maas. Am Knotenpunkt 86 habe die Gelegenheit genutzt mir eine kleine Auszeit an der Maas zu nehmen. Die Maas ist nicht nur eine wichtige Handelsstraße für die Niederlande, vielmehr ist
sie auch ein kleines Wassersportmekka für Sportboote. Für mich strahlt die Maas eine unglaubliche Ruhe aus, und es ist erstaunlich wie nah sich kleine und große Schiffe kommen. Auch gibt es hier eine Fähre, die recht gut ausgelastet ist. Alles scheint gut miteinander zu harmonieren. Die Maas bildet übrigens genau hier die natürliche Grenze zwischen der Provinz Limburg und Nord Braband. Nur ein ganz kleines Stück Fluss-Abwärts kann man die Schleuse Sambeek sehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wollte man die Maas für die Binnenschifffahrt besser geeignet machen. Das Hauptproblem bestand darin, einen Kanal mit der richtigen Tiefe zu kreieren, damit auf der Maas Schiffe mit bis zu 2.000 Tonnen Nutzlast schiffbar werden.Zu diesem Zweck musste die Maas mit fünf Wehren versehen werden, nämlich in Linne, Roermond, Belfeld, Afferden / Sambeek und Grave. Es gab einen Schlosskomplex neben jedem Wehr. Im Jahr 1915 wurde der Zweck des Projekts beschrieben als: Der Erwerb einer Hauptverkehrsstraße für den Transport von Massengütern aus einer Region, wo eine hoch entwickelte Großindustrie erwartet werden kann. Um diese Zeit begannen auch die Minen in Limburg mehr und mehr zu produzieren und der Transport der Kohle fand bis dato nur auf der Schiene satt. Der Staukomplex wurde 1929 fertiggestellt und umfasst neben dem Wehr zwei kleine Schleusen mit einem Vortex von 142 Metern und eine große Schleuse mit einem Wirbel von 260 Metern Inhalt .

 

 

Kaastelruine Blijenbeek. Nachdem man sich wieder von der Maas trennt, und im Anschluss die Ortschaft Afferden passiert hat, gelangt man wieder zurück auf die Landstraße, bis bei Punkt 15 ein Relikt aus längst vergessener Zeit auftaucht. Die Ruine Blijenbeek hat eine lange Geschichte. Irgendwann im 80-jährigen Krieg wurde das Schloss von den Spaniern besetzt. Später galt sie einer kurzen Zeit als Unterkunft für Jesuiten, die aus Deutschland vertrieben worden sind. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Landschloss von den Engländern dem Erdboden gleich gemacht. Eine deutsche Besatzung wollte die Burg nicht freigeben,so dass die Alliierten einen schweren Angriff ausübten. Lediglich die Gemäuer blieben stehen. Es existieren noch die ein oder anderen Fotos im Netz, wo man das Schloss in einem besseren Zustand erkennen kann. Zur Anlage gehörte auch ein Teehäuschen an einem Teich. Eine Stiftung kämpft seit Jahren um den Erhalt der Ruine. Das Betreten der Anlage ist verboten, aber für diverse Anlässe werden ab und an die Tore geöffnet. Besonders beliebt ist die Ruine für Fotoshootings mit Brautpaaren.

 

 

Endspurt. Von der Ruine folgt man die weiteren Knotenpunkte und passiert die Ortschaften Nieuw Bergen, Oud Bergen und Aijen. Hier kann man die typische Auenlandschaft genießen, und entlang der Maas sieht man noch vereinzelnd am Fluss die großen Leuchtfeuerbäume. Es sind mächtige Schwarzpappeln. Um 1930 wurden diese Leuchtfeuerbäume gesetzt, weit vor
GPS und Radar. Die Bäume halfen den Schiffern bei Flut die Spur in der Maas zu halten.

Auch das kleine Dörfchen Aijen verbirgt noch einen kleinen Schatz, bevor man wieder am Startpunkt auskommt. Auch wenn die Niederlande wegen des kühlen Klimas nicht zu den
ersten Weinanbauländern gehören, findet man in den Regionen Limburg und Gelderland eine beachtliche Auswahl an Weingütern, die unterschiedlichste Weine herstellen.
Ein kleiner Auszug aus der Presse vom August 2018: >>Es verspricht ein gutes Weinjahr für den Aijense Rooie (Aijense Roter) zu werden, da dieTrauben in guter Form sind. Der warme Sommer hat dafür gesorgt, dass der Zuckergehalt sehr hoch ist und es gibt schöne, volle Trauben zum Ernten. Das extreme Sommerwetter sorgte auch dafür, dass die Traubenernte drei Wochen früher als im Vorjahr beginnen konnte<<

 

 

Ein jeder Tag geht mal zu Ende. Auch meine kleine Tagestour im Herzen der Maasduinen. Irgendwann erreiche ich wieder den Startpunkt, und ich bin begeistert von der Landschaft und
über die Dorf – Land – Fluss Tour. Auch wenn es nur eine Tagestour mit wenig Kilometern ist, so könnte man so weit man es denn möchte Tage vor Ort verbringen. Die Region hat sehr viel zu bieten, und die Infrastruktur ist so aufgebaut, dass viele Übernachtungsmöglichkeiten vorhanden sind. Angefangen von Hotels gibt es in der Region auch viele Ferienwohnungen, und kleine bis mittelgroße sehr gepflegte Campingplätze. Camping heißt nicht automatisch, dass ein Zelt verfügbar sein sollte, denn die Möglichkeiten der Übernachtungen ist sehr vielfältig. Von gemauerten Wochenendhäusern bis hin zu Chalets oder Tiny Häusern ist auf Campingplätzen fast alles vorhanden. Die ein oder anderen Campingplätze sind sogar richtige Ferienparks, und die Schwerpunkte beginnen über Wassersport bis hin zu Kinderparks mit Karussells.

 

 

Fazit: 

„Die Maasduinen“, ein traumhafter Geheimtipp , der einfach besucht werden will!

 

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