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Krefeld – Stadt wie Samt und Seide?

Krefeld – Stadt wie Samt und Seide? Wer sich mit dem Fahrrad nach Krefeld begibt, der denkt zunächst an Samt und Seide. Schmaler, breiter, länger, kürzer. Krawatten sind ein Fashion-Produkt, in den vergangenen Jahren in der Krawattenhochburg Krefeld häufig zum Leidwesen der Manufakturen. Das gleiche gilt für Samt. Altmodisch und superschick zugleich. Doch die Zeiten verändern sich. Seide und Samt sind natürlich in der Modewelt nicht wegzudenken, aber Abstürze und Comeback sind an der Tagesordnung. Waren es einst die edlen Stoffe wie italienischer und chinesischer Seidengarn, die zum Reichtum führten, so finden sich heute nur noch stumme architektonische Zeitzeugen aus der prunkvollen Zeit.

 

 

2 Touren begleiten mich heute durch die Region. Innerstädtische und ländliche Strecken zeigen, wie Krefeld strukturiert ist. In Krefeld-Uerdingen beginnt die Fahrt. Eine Müllverbrennungsanlage dominiert die Landschaftscharaktere und ich beobachte wie Modellflieger ihr Können unter Beweis stellen. Über kleine Schleich- und Wanderwege gelange ich zum Elfrather See in Richtung Engelsberg. Über das Hinterland erreiche ich einen kleinen Flughafen sowie eine wunderschöne kleine Mühle.

 


 

Schön ist es hier, und das Wetter lockt heute jeden Stubenhocker in die Natur. Kurz vor dem Hülser Berg erscheinen tolle Wandartefakte, die 20 Künstler aus neun Ländern im Rahmen des Street Art Festivals in 2015 gestaltet haben. Wie verwunschen, teilweise von Moos und Flechten bedeckt, leuchten diese Wandartefakte an dem Zaun des ehemaligen Festivalgeländes. Am Hülser Berg selbst  werden die Straßen enger. Auffallend sind die vielen Krötenschutzzäune entlang den Straßen die den Artenwanderungen mehr Sicherheit geben.

 

 

Zwischen dem Inrather- und Kapuzienerberg geht es weiter in Richtung Stadtwald und Rennbahn. Die Galopp – Rennbahn besticht durch ihre sagenhaften Gebäude, aber schon auf dem zweiten Blick überwiegt die marodität der gesamten Anlage. Wo einst der „Schick und große Hüte“ an den Wettkassen ihre Sonntage verbrachten, schein (vielleicht) heute kein Pferd mehr in den Trab, geschweige denn in den Galopp zu kommen. An der Galopp – Rennbahn wechsel ich in die 2te Tour, die mir das Stadtzentrum näherbringen soll.

 

 

Krefeld verfügt über eine gute Fahrrad- Infrastruktur,  jedoch machen die Straßen und Radwege einen katastrophalen Eindruck. Wie eine überdimensionale Patchwork Decke aus der Fernsehserie „Roseanne“  gleicht hier der Asphalt, und auch die Rad – und Feldwege sind gespickt mit Wurzelwellen und kratertiefen Schlaglöchern. Würde man versuchen ein 1000 teiliges Puzzel aus 1000 unterschiedlichen Materialien in irgendeiner Form mit dem Hammer zurecht zu Dengeln, so würde das Resultat den Krefelder Straßen sehr nahe kommen. Krefeld ist ein riesiger Trail und selten wurde ich so extrem und langanhaltend durchgeschüttelt wie heute. Eigentlich kann man ganz gut erkennen, dass in den 70ern oder 80ern sehr viel für die Straßen investiert wurde. Es gibt außergewöhnlich viele breite Straßen, aber alles scheint in der Notdurft repariert worden zu sein. Blättrig und zerplatzt  wirken die ehemaligen Markierungen, und alle Gebiete sind bis zum Rand mit parkenden Autos zugestopft. Eine sinnige Wartung und Instanthaltung der Asphaltbeläge scheint keine Bedeutung beim Straßenbauamt zu haben. Aber auch Straßen ohne Radwege können ihren  ganz besonderen Charme haben!

 

 

Interessant ist das ehemalige Firmengebäude für die Vereinigten Seidenwebereien AG. Mit dem kubischen weißen Baukörper und den langgestreckten Fensterfronten steht der ehemalige Gebäudekomplex für Herrenfutterstoffe bis heute für eine funktionale Industriearchitektur im Geist der Moderne. Es war der Star Architekt Ludwig Mies van Rohe der mit seiner Auswanderung in die USA 1939 seine letzten realisierten Projekte in Deutschland den Nachkommen überlässt. Fast still und heimlich hat sich das alte Verseidag-Gelände zwischen Girmesgath und Weyerhofstraße im Nordwestbezirk seit 2009 gewandelt. Heute ist das Gelände ein Business-Park.

 

 

Eine Stadt wie Krefeld, die nach außen (immer noch) mit alten Traditionen wirbt, übersieht vielleicht ab und an die Gegenward. Die Generation Google kommt gleich ganz ohne Anzug zur Arbeit, und selbst in Banken verschwindet langsam die Krawattenpflicht. Heute scheinen nur noch Nachrichtensprecher und Vorstandsvorsitzende an klassische Kleidungsvorschriften gebunden zu sein. Der Binder stirbt aus, und auch der „Schick“ der Stadt gleich mit. Ehemalige Gebäude und Kaufmannsvillen sind vielfach zu finden. Moderne Luxusgebiete und stark sanierungsbedürftige Straßenzüge geben sich jedoch schon nach ein paar Abbiegungen die Hand. Auf der gesamten Tour fällt mir hingegen die Liebe zum Tennissport auf. Vielerorts gibt es (teilweise versteckt) üppige Tennisplatzanlagen.

 

 

 

Über die zentrale Innenstadt und dem Dellviertel möchte ich nicht viel Schreiben. Als Radfahrer ist man gefühlt ein Störfaktor. Schalten die Ampeln in den Grünmodus, so wird dieser Vorgang fast überall mit einem Kavaliersstart freudig entgegengenommen. In der Rotphase vieler Kreuzungsanlagen dominierten u.a. laute orientalische Klänge aus den PKWs. Teilweise ist die Musik so laut, das man nicht zuordnen kann, wer denn nun das Radio auf Laut gestellt hat. Die Seitenstraßen und Seitengassen im Zentrum  sind sehr zugemüllt und auf fast jeder Parkbank sitzen Menschen mit einer Bierflasche im Anschlag.

 

Fazit : Krefeld hat sehr viele unterschiedliche Stadtteile. Es finden sich überall stumme architektonische Zeitzeugen, die die ehemalige prunkvolle Geschichte der Stadt widerspiegeln. Es fällt nicht leicht sich ein Urteil über diese beiden Touren zu machen. Zu kontrovers zeigen sich die Stadtteile und mit Ihnen Ihre Einwohner. Die ländliche Partie hat mich hingegen sehr überzeugt!

 

 

 

volle Distanz: 32.7 km
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volle Distanz: 33.42 km
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