Belgien - Limburg

Limburg – Radeln durchs Wasser

Limburg – Radeln durchs Wasser. Frage ich in meinem niederrheinischen Bekanntenkreis was sie über Belgien mit seiner Provinz Limburg kennen, so schaue ich oftmals in leere Gesichter. Am Anfang war es die JEOPARDY Melodie, die mir unweigerlich in der Nachdenkpause meines Gegenübers in den Sinn kam, mittlerweile ist es vielmehr der Prolog (gemünzt auf´s belgische Limburg) der bekannten Filmserie von Raumschiff Enterprise.

 

 

 

 

Stellte ich mir jedoch selbst die Frage, so musste ich feststellen, dass auch ich nicht mehr als ein paar stereotypische Antworten (allgemein über Belgien) aufweisen konnte. Warum eigentlich? Limburg ist nur ein Katzensprung entfernt aber irgendwie doch so unbekannt!

Heute ist Sonntag, der 4. Advent. Ein schöner Tag um meine Defizite zum Thema Limburg aufzuarbeiten.  So kommt es, dass ich schon um 8:00 Uhr meine kleine Tour in der Nähe von Hasselt in Bokrijk beginne. Hasselt ist seit 1839 die Hauptstadt der belgischen Provinz Limburg. Limburg selbst liegt im nördlichen Teil von Belgien. Die Amtssprache hier in Flandern ist niederländisch bzw. Flämisch, wo hingegen im südlichen Teil von Belgien (Wallonien) französisch gesprochen wird. Noch ist es halbwegs dunkel aber der Sonnenaufgang wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.

 

 

 

Die Domäne Bokrijk ist bekannt durch sein Freilichtmuseum, welches die Zeit um 1900 widerspiegelt. Bokrijk umfasst ein ca. 250ha großes Gebiet aus Gärten Wäldern und Weihern. Die Natur, das prächtige Arboretum und die verschiedenen Gärten sind die ideale Kulisse um eine Radtour in Limburg zu beginnen. Das Freilichtmuseum selbst kann man mit dem Fahrrad nicht betreten werden, aber in unmittelbarer Nähe erwartet mich schon das Radfahrhighlight der Region. In der Seenlandschaft „De Wijers“ gibt es einen Fahrradweg, der mitten durch einen See führt.

 

 

 

Das besondere: Je tiefer man in den See fährt, desto mehr radele ich beidseitig auf Augenhöhe mit der Wasseroberfläche. Begleitet werde ich von einem Schwan, dessen Nachwuchs mindestens so neugierig ist wie ich. Ist man erst auf Augenhöhe mit den Tieren umso eindrucksvoller erscheinen mir. Mit einer gehörigen Portion Respekt versuche ich den nötigen Abstand zu wahren, währenddessen sich der Sonnenaufgang von seiner schönsten Seite zeigt. Ein sagenhaftes Stück Landschaftsarchitektur!

 

 

 

Ich fahre zurück in Richtung Freilichtmuseum. Jetzt wo es heller ist, sehe ich auch den Eingangsbereich, sowie eine tolle Mühle. Etwas weiter steht auch schon das Kasteel Bokrijk. Kasteel Bokrijk hatte bereits viele Besitzer. Einst galt es, als ein Traum Kasteel Bokrijk fertigzustellen. Ein finanzieller Engpass nötigte den Erbauer in der Bauphase das Anwesen zu verkaufen. Erst 1898 wurde es fertiggestellt und der Boden zum Eisenerzabbau genutzt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wechselte es erneut den Besitzer und 1916 ging es an einem reichen Immobilienmakler. 1918 wurde das Schloss beschlagnahmt und fundierte darauf hin als großer Bauernhof. Da der Boden zu arm an Nährstoffen war und der Erzabbau stagnierte, konnte das als Hof fungierende Anwesen erneut keine Gewinne erzielen. 1937 wurde es zurück an Provinz verkauft, die mit dem Erwerb die Grundlage für das heutige Bokrijk setzten. Nachdem im Zweiten Weltkrieg die deutschen und nach Kapitulation die Siegermächte das Schloss nutzen, wurde im Jahr 1950 erneut Restauriert. Es entstand ein Restaurant. Heute, nach der letzten Sanierung im Jahr 2008 gilt das Schloss als Konferenzzentrum von Limburg. Unternehmen aus der Region sowie die Politik nutzen heute das als Monument gekennzeichnete Gebäude.

 

 

 

 

 

Ich fahre in Richtung Süden und nach schon kurzer Zeit erreiche ich den Albertkanal. Direkt am Albertkanal befindet sich die längste Schrägseilbrücke von Belgien. Die Seilbrücke mit dem Namen Godsheide sollte eigentlich nach ihrer Fertigstellung als wichtige Verbindung zur Autobahn A24 dienen. Leider wurden die Verbindungsstraßen aber nicht genehmigt. Seitdem wird eine Seite als Radweg und die andere für den Verkehr zwischen den beiden Ortschaften von Godsheide genutzt. In Belgien zählt die Brücke zu den sogenannten „Großen nutzlosen Werke“. Die „Großen nutzlosen Werke“ werden übrigens in einer Liste mit dem Namen « La liste de grands travaux inutiles en Belgique » jedes Jahr aufs neue veröffentlicht. Genau mein Humor!

 

 

 

Randnotiz: Beim Überqueren des Albertkanals kommt mir unweigerlich das Buch Ein Fisch namens Aalbert“ in den Sinn. Es hat zwar nichts mit der Tour gemeinsam, aber der (Fisch)Krimi spielt im Rhein-Herne-Kanal wo der Aal Albert als Privatdetektiv einen Serienkiller auf die Flossen kommt Wer noch leichte Kost für schmuddelige Tage Sucht wird mit Taschenbuch bestimmt ein paar Stunden Freude haben.

 

 

 

In Hasselt angekommen wollte ich mir eigentlich einen sehr bekannten japanischen Garten sowie das Jenever-Museum ansehen. Leider ist in Hasselt derzeit eine Großbaustelle. Außer einer sehr gelungenen Streetartzeichnung blieb jedoch nichts übrig denn auch der weitere Albertkanal war weitestgehend für Radfahrer und Autos gesperrt. Da blieb nur Improvisation um irgendwie wieder zurück auf die Route zu gelangen. Zurück auf der Route erreiche ich nach einer schönen Strecke den Prinsenhof.

 

 

 

Was mir während der Tour aufgefallen ist, sind der Mix zwischen neuen (auf alt getrimmten) belgischen Einfamilienhäuser und sehr attraktive kubische Häuser im Bauhausstil. Die Radwege sind entgegen der verwöhnten Niederlanden sehr schmal. Auch sind die Straßen wenig eingefasst und die Grundstücke rund um die Neubauten relativ trist und eintönig. Richtige Vorgärten gibt es nur vereinzelnd, aber wenn dann sehr schöne. Auch der Verkehr ist sehr rasant, sodass man als Radfahrer diesen genau im Blick haben sollte. Die Verkehrsschilder sehen manchmal aus wie Schilder aus dem Gebrauchtwarenhandel. Auch die Orts – Wegweiser glänzen mit gekonnter Lieblosigkeit. Die alten gebäude auf ländlichen Wegen: Wunderschön!

 

 

 

Es war Fürstbischof Everhard van der Marck, der der Burg Prinsenhof zu Beginn des 16. Jahrhunderts einen neuen Glanz verlieh und sie in eine Residenz mit Status verwandelte. Im 17. Jahrhundert zerstörten französische Soldaten die Türme der Burg. Das Gebäude wurde nicht mehr restauriert und verfiel. 1798 wurde die Burg öffentlich verkauft. Antoon Bamps kaufte es im frühen 19. Jahrhundert und baute einen Teil der Ruine in ein Sommerhaus um. Sein  Schwiegersohn machte es im frühen 20. Jahrhundert zu einem Herrenhaus, bis die Stadt Hasselt den Prinsenhof zurückkaufte.

 

 

 

Hat man sich in Limburg erst an die tollen Gebäude gewöhnt, so wartet weiter westlich bereits die mächtige Abtei der früheren Zisterzienserinnen von Herkenrode. Die 600 Jahre alte in Frauenhand geführte Klosteranlage liegt in einem Naturgebiet und ist von zwei großen Kräutergärten umgeben. Bereits seit dem 14. Jahrhundert war die Abtei ein bedeutender Wallfahrtsort.

 

 

 

 

 

Erst nach der Französischen Revolution kam es schließlich zum Verkauf und zur Zerstückelung. Heute ist es ein sehr bekannter Veranstaltungsort. Führungen in der Abtei oder im liebevoll gepflegten Kräutergarten mit seiner angeschlossenen Bienenhalle locken jährlich viele begeisterte Touristen. Eine kleine Wassermühle rundet den Baubestand ab, während es weiter über die Felder in Richtung Tuiltermühle geht. Die Tuiltermühle ist eine untere Windmühle am Tuilterdemer, einem kleinen Fluss, der parallel zur Demer fließt.

 

 

 

 

 

Die Mühle befindet sich an der Zolderse Kiezel in Kuringen und ist noch ein Teil des Klosterkomplexes Herkenrode. Die Mühle ist eine Doppelmühle, die als Rinden- und Mehlmühle diente. Leider ist das Hauptgebäude schon sehr verfallen. Rückseitig, von der Brücke aus betrachtet, hat der Anblick jedoch bis heute nichts an Charme verloren.

 

Weiter, wieder in Richtung Norden erlange ich das Naturreservat De Platwijers-Wijvenheide. Ein toller 15 Meter hoher Aussichtsturm lädt seit 2015 die Besucher ein, die Natur mit Ihren Teichen aus luftiger Höhe zu beobachten. Mit einem Budget von 245000 Euro bietet die Struktur drei Erlebnisräume mit Platz für Bildungseinrichtungendarunter ein Rastplatz während des Aufstiegs. Diese Vielfalt der Aussichten endet auf einer wunderschönen Aussichtsplattform.

 

 

 

 

 

Die Merkmale, die das Gebiet so einzigartig machen, stammen aus dem 13. Jahrhundert, als die ersten Teiche durch Torf- und Eisengewinnung angelegt wurden. Seitdem wurden in den Teichen Fische gezüchtet und die Teiche haben sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem Komplex von Hunderten von zusammenhängenden Teichen ausgeweitet. Dank dieser Teiche gibt es heute einen Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten, die sonst nicht mehr existieren würden.

 

 

 

Für den gemeinen Radler (Modder-Fetischisten mal ausgeschlossen) ist dieses Gebiet nach einer längeren Regenperiode zwingend zu vermeiden! Gerade im hinteren Teil der Teiche war der Schlamm heute „Herr der Lage“. Spätestens, wenn der Felge mitsamt dem Felgenbett immer weiter versinkt, ist besondere Vorsicht geboten. Glücklicherweise machten die nachfolgenden vielen Regenpfützen mein Rad halbwegs wieder sauber.

 

 

 

Fazit

Die Region rund um Hasselt hat mich wirklich begeistert. Es gibt viel zu entdecken und die Geschichte hat sich an fast jedem Stein festgebissen. Gerne werde ich im Sommer die Tour wiederholen, denn der Matsch hat heute seinen Tribut gezollt. Die Fahrt durch den See ist unvergesslich und wenn im Sommer die Kaffees geöffnet haben ist eine 2 Tages Tour garantiert nicht ausgeschlossen. Stereotypische Antworten über Limburg werde ich mir für die Zukunft sparen, denn es gibt mehr als nur Jenever, Pralinen und beleuchtete Autobahnen!

 

 

Gesamtstrecke: 41.7 km
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Achtung: Bei dieser Tour ist Inprovisation erforderlich. Nicht alle Bereiche können mit dem Rad betreten werden!

One Comment

  • Uschi

    Wow!! Du hast die ganze Idylle von Limburg in Wort und Bildern eingefangen. Diese Tour merke ich mir für
    den Sommer und deine ‚gekonnte Lieblosigkeit‘ will ich mir auch ansehen. Tolle Strecke – wunderbare Tour!
    Und das im Winter, Hut ab!!!

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