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Sind wir nicht alle ein bisschen Neandertaler?

Sind wir nicht alle ein bisschen Neandertaler?

Am 860 Jahre alten ehemaligen Nonnenstift, Rittergut und Bauernhof „Haus Morp“ beginnt meine heutige Rundtour in Erkrath – unrasiert versteht sich! Denn das Ziel ist das Neandertal, wo einst der erste Neandertaler gefunden wurde. Hat der Neandertaler (wissenschaftlich: Homo neanderthalensis) doch immer mit dem Image eines dummen Höhlenmenschen zu kämpfen gehabt, so zeigt sich nach jüngsten Forschungen, dass dieser viel kultivierter war als angenommen. Ein bisschen Neandertaler soll auch in uns sein, da sie sich ab und zu mit dem Homo Sapiens vermehrt haben – aber wer weiß das schon genau. War der Neandertaler dem Homo sapiens sogar ebenbürtig?

 

 

Zum Glück hat der Homo Sapiens aber das Rad erfunden – und später irgendwann das Fahrrad. Ein Grund genug, vorab in Richtung Düsseldorf zu fahren. Hinein in die Zivilisation! Auch wenn der Radweg ein wenig holperig ist, so wundere ich mich, wie langsam ich zum Stadtrand von Düsseldorf vorankomme. Hier hat der Homo Sapiens vorgelegt, denn das Treiben und die Hektik des Stadtrands vereinnahmen sofort einen jeden Fahrradtouristen vom Lande. Gefühlte 100 schlecht justierte Ampeln zwingen zum ständigen Anhalten und warten, denn seit 1886 scheint hier das Automobil den absoluten Vorrang zu haben! Wie bei Fred Feuerstein und Barney Geröllheimer wird hier gehupt, gedrängelt und der Fahrradweg teilweise wie selbstverständlich von irgendwelchen Lieferdiensten zugeparkt. Am „Stahlwerk“ vorbei, wo ich schon viele Konzerte genießen durfte, lande ich aber schon bald an einer kleinen Düsseldorfer Institution, einer Insel, wie es sie kein zweites Mal gibt.

 

 

Gemeint ist die Kiefernstraße im Stadtteil Düsseldorf- Flingern. Die Straße hat eine bewegte Vergangenheit! Um 1900 als moderne Arbeitersiedlung gebaut, später im Besitz der Stadt und im Visier der Spekulanten, ab 1980 Abrisspläne, Abwehrkämpfe und links-alternative Hausbesetzungen, die sehr negativ durch die Presse gingen. Heute haben alle legalisierte Mietverträge in einer sehr lebendigen Straße.

Für die Kiefernstraße sollte man sich durchaus ein wenig Zeit nehmen und sich inspirieren lassen. Sie ist ein einziges großes Kunstwerk – Fassadenkunst so weit das Auge reicht. Keine Höhlenmalerei! Wer einmal in die legendäre Szene eintauchen möchte und Lust auf eine Dosis Underground hat, dem sei ein Abend im legendären Punkclub AK 47 empfohlen. Einst in den Medien Das linke Terrornest Kiefernstraßeheute Kult und Tourismusmagnet.

 

 

Wer wenig mit Düsseldorf zu tun hat, verbindet diese Stadt eigentlich immer mit Glanz und Glimmer. Spätestens aber mit dem internationalen Flughafen oder dem berühmten Messegelände, wo auch die Ausstellung “Boot” zu Hause ist. Gleichwertig bekannt ist die Luxuseinkaufsstraße Königsallee, kurz „“ oder die gesamte namhafte Modewelt, die sich in Düsseldorf verbirgt. Hier ist „Big Business“ angesagt und in der klassischen Mittagspause werden die Menschen grau bis anthrazit. Wo der Neandertaler sich mit Fellen zum Körperschutz zufriedengab, wimmelt es hier zu gewissen Zeiten nur noch von Designeranzügen und Trägern des „heiligen“ Latte-Chai Heißgetränk. Im Zentrum und am Medienhafen gibt es die aufregendste Architektur, wie man sie kein zweites Mal erleben kann und überhaupt, mit ihrer Altstadt hat die Stadt noch gleichzeitig die längste Theke der Welt. Auch ist in Düsseldorf die größte japanische Community Deutschlands zu Hause. Mehr als 8.400 Japaner leben in der Landeshauptstadt und prägen das pulsierende Little Tokyo. Wer Sehnsucht nach der Lebendigkeit von asiatischen Metropolen hat, der wird hier mehr als fündig.

Am Stadtrand geht es glücklicherweise gediegener zu. Dennoch ist erkennbar, dass hier ein gewisses gehobenes „Grundkapital“ existiert. Düsseldorf hat viele „Dinge“, die man als besonders oder als kultig einstufen darf. Neben der Alt – Bier Dynastie (oder dem wemiger bekkannten Neanderthaler Landbier) gibt es natürlich auch DAS Ereignis Fußball. Fortuna Düsseldorf heißt der Verein und er genießt einen außerordentlichen Fan Status. Ob man es  glauben will oder nicht – sogar die Internetseite von Fortuna Düsseldor gibt es auf Japanisch.

 

 

Ist das Hauptstation wo der sogenannte Profifußball gespielt wird mehr in Richtung Messe-Gelände, so steht hier in Flingern das in 2019 erschaffene Fortuna Nachwuchsleistungszentrum. Auf exakt 4.352 Quadratmetern dürfen die Talente von morgen künftig im modernen Neubau unter professionellen Bedingungen trainieren. Die Nutzung des Nachwuchsleistungszentrum geht dabei über den leistungsorientierten Gedanken von Fortuna Düsseldorf hinaus. Sogar der DFB und der DFL vergaben eine Bestnote für die Jugendarbeit.

 

 

Daneben das Paul-Janes-Stadion welches für alle Heimspiele der zweiten Mannschaft von Fortuna Düsseldorf und deren Jugendmannschaften dient. Lustigerweise muss ich gerade – da diese Tour ja den Neandertalern gilt, zwangsläufig an ein altes Computerspiel aus den 80er Jahren denken. Zu Zeiten des Commodore 64 gab es ein lustiges Spiel mit dem Namen „Caveman Ugh-lympics“ Hier nahm der Spieler an einer Steinzeitolympiade teil. Unter den Disziplinen gehörten u. a. Höhlenfrauen Weitwurf, Säbelzahntiger- und Dinosaurierrennen, Feuer machen und Keulenkampf.

 

 

Ich fahre weiter in nordöstlicher Richtung und lande in  Grafenberg . Grafenberg zählt 5.830 Einwohner, ist mit 0,91 km² der zweitkleinste, jedoch dicht besiedeltes Stadtteil im klangvollen und mit Liebe titulierten  “Stadtbezirk 7” von Düsseldorf. Außer jede Menge Baustellen und Ampeln gibt es hier in der Durchfahrt wenig zu sehen, bis auf ein Gebäude wo derzeit ein sehr bekanntes arabisches Restaurant im Erdgeschoss ansässig ist. Es ist das Jägerhaus.

 

 

>Das Gebäude der Gaststätte Jägerhaus an der Ludenberger Straße 1 im Düsseldorfer Stadtteil Grafenberg ist ein denkmalgeschützter Bau im Stil der Neugotik.Er wurde 1897 durch den Architekten Peter Paul Fuchs an einen schon „vorhandenen Saalbau ländlicher Art“ angebaut. 1902 wurde ein besonderes Ausschankgebäude angebaut; gleichzeitig erfolgte ein Umbau. Am 13. Juli 1985 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.< Quelle: Wikipedia

Es geht immer weiter Bergauf. Die Ludenberger Straße hat es in sich, gefolgt von einem kleinen Wald-Trail der nicht wenig zum Flachatmen anregt. Oben angekommen zieren viele kleine Villen und Bauhaus-Stil Häuser die Hauptstraße. Die Bergische – Landstraße macht bis Ludenberg ihren Namen jedenfalls alle Ehre. Zum trost: Es gibt eine tolle Sichtachse zur lelgänderen Rennbahn.

 

 

Der Stadtteil Ludenberg wird durch Wälder und landwirtschaftliche Flächen in hügeliger Landschaft geprägt. Ludenberg verfügt über kein Zentrum und die zahlreichen Wohnsiedlungen liegen weit auseinander. Was jedoch unverkennbar ist, ist das Gelände in Hubbelrath, das der (ehemaligen) Bergischen Kaserne.

 

 

>Bei der Aufrüstung der Wehrmacht wurde nach 1936 in Knittkuhl eine Flak-Kaserne erbaut. Ab den 1960er Jahren wurde diese Bergische Kaserne benannt und von der Bundeswehr genutzt. Vom dortigen Sendeturm wurde seit 1980 ein lokales analoges TV-Programm des für die britischen Alliierten, gesendet. Der Sendebetrieb wurde am 1. Februar 2007 eingestellt. Seit das Bundeswehr-Musikkorps 2019 nach Hilden umgezogen ist, steht der größte Teil der Kaserne leer.< Quelle Wikipedia

 

 

In der Realität: Das Kasernengelände ist seit fast zwölf Jahren weitgehend verwaist. Im Dezember 2006 marschierten zum letzten Mal 75 Rekruten des Fernmeldebataillons zum Gelöbnis. Danach verfielen etliche der 39 in den 30er Jahren errichteten Gebäude still und heimlich vor sich hin. Zuletzt hielten nur noch wenige junge Musiker des Ausbildungsmusikkorps und ein paar Sanitäter die Stellung. Lediglich ein Kleinstbereich wird noch von der Bundeswehr als Mobilmachungsstützpunkt genutzt.  Seit vielen Jahren gibt es Planungen das Grundstück an die Stadt Düsseldorf zu geben, um eine Neubausiedlung zu erschaffen.

Auf den Tag genau haben sich aber diese jahrelangen Planungen zum ärger der Stadt Düsseldorf als hinfällig erwiesen. Für die Stadt Düsseldorf, die seit Jahren das 33 Hektar große Areal fest als neues Wohnviertel eingeplant hat, ist das ein Schlag ins Kontor — denn die Pläne, bis zu 3000 Wohneinheiten für 9000 Einwohner im grünen Osten der Stadt neu zu bauen, kann man im Rathaus nun ad acta legen.  Hintergrund ist ganz offenkundig die wachsende Sorge vor einem neuen Kalten Krieg mit Putins Russland. Das hat das Verteidigungsministerium in Bonn jetzt bestätigt. Die Bundeswehr soll wieder wachsen, auch personell, deshalb hat man wohl die Aufgabe von Kasernen-Standorten gestoppt.  Somit war ich an diesem Tag nicht der einzige Fotograf von der sonst verlassenen und unbeachteten Bergischen Kaserne.

 

 

Kriege sind leider Realitäten, mit denen sich die Menschheit seit jeher auseinandersetzen muss. Es scheint fast so, als ob Spaltungen, Konflikte und Kämpfe um die Vorherrschaft über andere schon in der fernsten Vergangenheit vorkamen, seit Anbeginn der Zeit, als unsere “Vorfahren” primitive Geschöpfe waren. Wahrscheinlich ist dies ein Vorrecht, den wir als Säugetiere unbedingt haben und auf Teufel bewahren wollen.

Ich fahre weiter über die Bergische Landstraße und grübele, über die Bundeswehr, über Kriege und über die Arten Homo Sapiens und Neandertaler. Wer wohl von den beiden Uhrspezies friedvoller war? Links von mir auf einmal lautes Hundegebell. Ja, denke ich noch – der Hund –, der wahre und echte Freund des Menschen, oder gar der bessere Mensch? Es ist die aus dem Fernsehen bekannte Hundeschule von Martin Rütter, die mich von meinen grauen Gedanken ablenkt. DOGS Düsseldorf lautet der Name. Ich freue mich irgendwie, denn die Hunde geben mir gerade den Anlass eine kleine Pause einzulegen.

Ich persönlich mag ja die Landschaft im Bergischen sehr. Auch wenn es für den Radfahrer manchmal ein wenig anstrengend ist, so wird man allzeit mit schönen Panoramen belohnt. Auf dem letzten viertel bis zum Neandertal hat man jetzt Zeit sich rein der Natur zu widmen. Schön ist zu sehen, wie z. B. die Kirschblüte derzeit farblich heraussticht.

 

 

Herausstechen will auch eine Höhlenmalerei im 2. Jahrtausend, eine Brückenbemalung vom Düsseldorfer Künstler Martin Baltscheid. Seine umgesetzte Idee: Höhlenmaler der Prähistoriewürden sie in der Jetztzeit leben, so würden sie tagesaktuelle Ereignisse zeichnen. So nahm der Künstler Baltscheid die Schlagzeilen einer großen bekannten Zeitung aus dem Monat September 1995 und illustrierte eine bunte und nachdenkliche Collage. Das hat schon was!

 

 

Ich erreiche ich das Neandertal. Vor mir das große Museum und weiter im hinteren Bereich ein toller großer Spielplatz für die Kinder. Hier irgendwo wurde er dann wohl 1856 gefunden. Unmittelbar danach erlangte das Neandertal (als Namensgeber dieser Spezies) weltweite Berühmtheit.

 

 

Es waren die Knochen eines Menschenschädels. Zwei Wissenschaftler glaubten schon damals, dass die Knochen zu einem Urmenschen gehörten. Es dauerte aber noch dreißig Jahre, bis man ihnen recht gab. Der Neandertaler, ein im mittleren Paläolithikum, also vor 200.000 bis 40.000 Jahren, lebender Hominide, teilte sich die Welt mit dem Homo Sapiens, also mit uns modernen Menschen. Es war eine echte “Schwester”-Art, die sich relativ schnell entwickelte und wieder verschwand. Und gerade im Hinblick auf ihr Verschwinden hört die Wissenschaft nie auf, sich selbst infrage zu stellen…. Übrigens: Seit einer Rechtschreibreform lässt man das h weg, Ordnung muss sein! Auf der Talstraße fahre ich weite in Richtung Erkrath.

 

 

Dort befindet sich auch das Denkmal Erkrath Fundort des Neandertalers. Mit einem letzten Blick über die Natur vom Neandertal hin zur Skyline von Düsseldorf endet auch meine Tour, denn zurück bis Haus Morp ist es nur noch ein Speerwurf!

 

 

 

Fazit: Welch wunderschöne und geschichtsreiche Tour weg von Glanz und Glimmermit dem Hintergedanken im Kopf gerne ein bisschen mehr Neandertaler zu sein als mir bewusst ist!

 

 

Total distance: 33.7 km
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