Das Fahrrad! Die Welt und ich 

Spring Bike Festival Moskau 2019

Spring Bike Festival Moskau 2019. Es ist Mai 2019. Mein Urlaub in Russland steht an und ich sitze vor dem heimischen PC und suche nach Tipps fürs Radfahren in einem Land wo ich weder Schrift noch Sprache verstehe . Ziel ist Moskau und Sankt Petersburg. Schnell fällt mir ein Bericht von WeLT.de auf. Mit dem Titel:

 „Wladimir Putins seltsame Angst vor dem Fahrrad“, Veröffentlicht am 24.09.2015 .

In diesem Bericht wird im Grunde ein wenig vor dem Radfahren in Gruppen gewarnt. Radfahren ist schön, aber nicht in der Stadt lautet der Kern der Aussage. Gerade Gruppierungen scheinen ein Problem zu sein. Zitat: >> Der Kreml kennt in seiner Furcht vor politischen Kritikern kein Maß und hat jetzt organisierte Radtouren als Gefahr ausgemacht. Das Innenministerium bezeichnet sie als Demonstrationen, wenn sie das Ziel der öffentlichen Meinungsäußerung verfolgen und Plakate oder Banner benutzen. <<  Zitat Ende. Quelle: Welt.de Autorin: Nina Pukhova

Auch schreibt der Bericht wie übertrieben hoch die Sanktionen ausfallen können, sogar Gefängnisstrafen werden angedeutet. „Fahrräder sind in Osteuropa eher unbeliebt“ prangt es im unteren Drittel, und meine Lust und Laune ans Radfahren in Russland schwindet mit einem Kloß im Hals.

 

 

 

 

Ok, der Bericht ist schon was älter, aber möchte ich mich in einer solchen Gefahr begeben? Mit der Zeit finde ich immer mehr Berichte, die auf das Radfahren in Moskau nicht positiv hinweisen. Gruppiertes Fahren  mit Plakaten ist meinerseits nicht geplant, aber was ist wenn ich per Zufall in einer solchen „Gruppierung“  gerate? Gleich stellt sich mir die nächste Frage, und ich muss dabei automatischen an typischen „Dashcam“ Unfallvideos auf  Youtube denken. Wie steht es um meine Sicherheit, wenn das Radfahren vor Ort so unbeliebt ist? Habe ich überhaupt eine Chance, als Radfahrer vor Ort zu Bestehen? Ich schalte den PC aus, und grübele noch eine ganze Weile. Dann steht mein Entschluss fest. Ja, ich werde KEINE Fahrradtour  vor Ort machen, aber ich werde ein Augenmerk darauf  richten, wie der Stellenwert des Fahrrads vor Ort tatsächlich ist.

 

Dann war es soweit. Nach einem wirklich schönen Flug mit der Aeroflot lande ich mit der Familie und Bekannten am frühen Vormittag am Moskauer Flughafen. Eine 10 Tägige Städtereise (auf eigener Faust geteilt zwischen Moskau und Sankt Petersburg) war nun die endgültige Planung.  Nach ca. 20 Minuten, erreichten wir dann auch etwa außerhalb von Moskaus Stadtkern unser Hotel. Beim „Check In“ wurde viel gesprochen, und nach der ganzen Übersetzung wurde ich zum Schluss gefragt, ob ich denn auch ein Fahrrad ausleihen möchte. >>Von hier aus ist es nur 1 Minute bis zum Park und es wäre eine schöne Abwechslung, die Region bis zum Stadtzentrum kennenzulernen.<<

Für einen kurzen, vielleicht auch 2 kurze Augenblicke war ich verwirrt. Sollte meine erste an mich gerichtete Russische Frage in Moskau (mal abgesehen von Zoll und Flug) ausgerechnet damit beginnen, in dem man mich fragt ob ich ein Fahrrad leihen möchte? Schmunzelnd und zeitgleich misstrauisch  lehne ich lügend ab.

 

Die Tage vergehen schnell, und ich erlebe den Trubel einer für mich neuen Metropole. Viele Dinge der Stadt  überraschen mich auf positivster Weise. Ich sehe relativ viele Radfahrer. In den Parks in der Metro, aber auch im Stadtcentrum sind die „unbeliebten Räder“  ganz normale Sport- und Fortbewegungsmittel. Natürlich ist die Menge der Radfahrer (Auf Russisch: Velosipedist / Велосипедист) kein Vergleich mit den mir bekannten Städten meiner Heimat, aber es gibt darüber hinaus eine ganz interessant Parallele. Auch in Moskau stehen hier und da weiß gestrichene Fahrräder an Straßen, Ampeln oder Kreuzungen. Ghost Bike werden sie auch bei uns genannt. Das Ghost Bike  ist die aus den USA stammende Idee, weißgestrichene Fahrräder als Mahnmale für im Straßenverkehr tödlich verunglückte Radfahrer am Unglücksort aufzustellen. Neben der Funktion als Gedenkstätte sollen sie auch auf mögliche Gefahrenpunkte hinweisen.  

 

 

 

 

Die Fahrräder die durch die Radler aktiv genutzt werden unterscheiden sich teilweise jedoch in massivster Weise von den Rädern, wie man sie bei uns in Deutschland kennt.  Es sind überwiegend sehr einfache Räder, und die uns bekannten Verkehrssicherheitsrichtlinien  scheinen oftmals nicht zu zählen. Dennoch wird sehr bedacht gefahren. E-Bikes im klassischen Sinne sind eine große Ausnahme und wenn dann ähneln diese Bikes oftmals einen Crossmotorrad. Das Tempo und die Art des Fahrens sind sehr höflich und unglaublich vorrausschauend. Klapp-und Falträder scheinen ein Trend zu sein,  jedoch unterscheiden sich die Räder oftmals vom alt bekannten Diamantrahmen. Es macht mir sehr viel Freude, die teilweise skurrilen Räder zu beobachten auch wenn sie nur irgendwo abgestellt sind. Ein Fahrradverleih ist überall schnell auszumachen, es unterscheidet sich mit einem deutschen City-Radverleiher außer der Währung mit nichts

 

 

 

 

 

Richtig spannend wurde es jedoch zum 19.Mai 2019. Zuvor war mir immer wieder ein bestimmtes Plakat in diversen Metrostationen  im Moskauer Untergrund aufgefallen. Auf dem Plakat waren ein Datum und Fahrräder erkennbar. Da ich dem kyrillischen Alphabet nicht mächtig bin, fotografierte ich es, um später eine Übersetzung zu erhalten. Es stellte sich abends heraus, dass an diesem 19 Mai 2019 das Moskauer Frühlingsradfest stattfindet. Lauthalts sagte mein Kopf mir „BINGO“ und mein Fahrradherz pochte als würde jemand mit einem aktiven Defibrillator einen Langzeit EKG Test machen. Gleichzeitig erinnerte ich mich aber auch an die vielen bösen Berichte aus dem Internet.

 

 

 

 

Was ist das Moskauer Frühlingsradfest eigentlich? Ein kurzer Blick beim Veranstalter im Netz beruhigte mich dann doch sehr schnell. In der Einladung heißt es: >>Das Moscow Cycling Festival ist ein neues Format für Stadtveranstaltungen. Es ist eine Multiformat-Aktion, die Sport, Kultur und Lifestyle vereint und Moskau mit den wichtigsten Hauptstädten Europas und der Welt gleichstellt. Die Mission des Moscow Cycling Festival ist die Entwicklung der Fahrradkultur in der Stadt, um die Prinzipien und Werte eines gesunden Lebensstils und ökologischen Denkens bei Bürgern und Gästen Moskaus zu fördern<< Schöner hätte ich das Ganze auch nicht formulieren können, und so kam es das ich nach dem Frühstück am 19.Mai 2019 in bester Laune und bei bestem sonnigen Wetter an der Sakharov Avenue ankam. Was dort vor Ort los war sprengte aber meine kühnsten Erwartungen.

 

 

 

 

Über 40.000 Radfahrer aus allen Regionen waren gekommen um an dieser Tour teilzunehmen. Es gab eine sehr große Veranstaltungsbühne, ein BMX Kontest sowie viele Sponsoring – Zelte. Der Andrang war so unglaublich groß, das mir schon fast ein wenig mulmig wurde. Polizei, freiwillige Helfer und Sicherheitspersonal schirmten die Start-Area systematisch gegen den PKW Verkehr ab. Auch die weiterführenden Straßen, sowie der gesamte Garten Ring (oder auch Ring B genannt) rund um  Moskaus kern  waren für den PKW –Verkehr tabu.

 

 

 

 

Von allen Seiten strömten nun die Besucher mit Ihren Rädern zur Start-Area damit eine schnelle Teilnahme – Registrierung erfolgen konnte. Die einen waren lustig verkleidet, die andere extreme wirkte mit Ihren Trikots wie aus einem 90er Jahre Kontest.

 

 

 

 

Auch wirkte die Masse an Drahteseln wie ein gigantisches Revival Festival, da die Räder überwiegend technisch den der 90er Jahren entsprachen. Das ein oder andere supermoderne Hipster Designerrad war natürlich auch zu Begutachten und insgesamt formte sich dann der gesamte Pulk wie eine überdimensionale Fahrradsäule.

 

 

 

 

 

 

Kurz vor dem Start wurden noch diverse Fahrer über die Lautsprecher interviewt. Nach jedem Satz brüllten alle im Kollektiv ein „Yeeahhh“ oder ein „Wooouuuww“. Ein Teilnehmer berichtete dass es schon zum 5.ten Male dabei sei, jedoch heute zum ersten Mal mit einem E-Bike. Und die Masse: „Buuuuuuuhhh“… Humor ham´se ja!!! (An dieser Stelle sei gesagt, dass ich erst ca. 3 Minuten später Laut lachen musste! Es war meiner Live –  Übersetzerin geschuldet, die übrigens wegen mir und meiner Übersetzungsneugierde durch die Hölle gegangen ist)

 

 

 

 

Der Start rückte immer näher, und für mich war es an der Zeit mich mit einem Rad zu bewaffnen um zumindest kurzweilig ein Teil der angeblich gefährlichen und nichtgeduldeten „Gruppierung“ zu werden. Gesagt getan, und Schwups hatte ich auch schon ein Rad unterm Hintern. Da die Registrierung des Rades jedoch nicht auf mich stattfand, war es mehr eine Leihgabe bis zum offiziellen Start vom Besitzer, damit ich ein unvergessliches (dumm guckendes) Erinnerungsfoto machen konnte!

 

 

 

 

Mit einem Meer an Ballons und mit der Verteilung von kostenloser und alkoholfreien Hopfenlimonade in Dosen (Hier mal meinen Dank in Richtung Amsterdam) wurde der offizielle Startschuss gegeben. Die gigantische Fahrradsäule kam langsam in Bewegung, und eine Polizei – Motorradkolonne eskortierte an vorderster Front.

 

 

 

 

Es war wunderbar mit anzusehen, wie diese Veranstaltung ein voller Erfolg für alle Beteiligten ist. Ich bin sehr dankbar darüber dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war! Die nächste Großveranstaltung ist übrigens am 13.Juli 2019. Mit dem Titel „ Night Cycling Festival 2019“  werden bestimmt wieder viele Akteure erwartet, bis dann zum 15.September 2019 das Herbstradfest die Saison der Fahrradfeste in Moskau abschließt.

 

Der zweite Teil meiner Reise wurde in Sankt Petersburg ungesetzt. Auch dort konnte ich im Bezug aufs Radfahren keinerlei Unterschiede zu Moskau feststellen.

 

 

 

Fazit: 

Auch viele russische Seelen besitzen ein Fahrradherz und lassen dieses bei Bedürfnis frei! 40.000 davon auf einem Streich durfte ich live erleben. Ich glaube das das Radfahren in beiden Städten gesünder ist, als in manch einer Großstadt von Deutschland. Ist die Infrastruktur für Radfahrer vielleicht nicht auf den gleichen Stand, so fällt jedoch auf, dass die Höflichkeit untereinander und der Respekt unter allen Verkehrsteilnehmer in beiden Städten durchaus gegeben und geschätzt sind.

 

 

 

 

 

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